Der letzte Seiner Art

Er ließ sich langsam auf den Boden sinken, denn er hatte keine Kraft mehr.

Seit sehr langer Zeit streifte er durch das Unterholz der Insel auf der erfolglosen Suche nach seinen Artgenossen. Nun waren seine letzten Reserven aufgebraucht. Er war alt, doch seine Instinkte hatten ihn wie in all den Jahren zuvor dazu getrieben, sich ein Weibchen für die Paarung zu suchen. Die Erhaltung des Fortbestandes seiner Art steckte tief in seinen Genen, doch dieser Trieb allein war nutzlos. Ohne eine Partnerin konnte er kein frisches Leben in die Welt setzen. Und selbst mit einer willigen Partnerin gelang ihm das in den letzten Jahren so gut wie nie. Es lag nicht daran, dass die Paarung nicht klappte oder sie keine Eier legte. Die Schwierigkeiten begannen danach.

Mit einer Größe von knapp einem Meter und einem Gewicht von fast zwanzig Kilo zählte seine Art zu den größten Tieren auf der kleinen Insel im Indischen Ozean. Es gab keine Raubtiere, daher hatten sie keine Feinde zu fürchten und so verloren sie Ihre wichtigsten Überlebensfähigkeiten: Das Fliegen und die Angst vor anderen Lebewesen.

Doch die Situation im vermeintlichen Paradies änderte sich dramatisch, als der Mensch im Zuge der Eroberung der Welt auch die Insel fand, auf der die Vorfahren des Vogels seit Jahrhunderten ungestört lebten. Die Lücken, die in ihre Reihen geschlagen wurden, weil die Seeleute Proviant für die langen Überfahrten benötigten, waren zwar schmerzhaft, doch sie waren nicht so groß, als das sie durch eine gesunde Population nicht wieder ausgeglichen werden konnten.

Viel tödlicher waren die ungebetenen Mitreisenden, die heimlich von Bord der vor Anker liegenden Schiffe an Land flohen. Die Nager konnten schwimmen und fanden auf der Insel paradiesische Zustände vor. Kaum Fressfeinde und Futter im Überfluss. Sie bevorzugten die Eier seiner Art, da sie sehr nahrhaft waren und die Gelege von den Eltern nicht verteidigt wurden.

Gegen Menschen und Ratten hatten die zutraulichen, flugunfähigen Vögel mit dem hellgrauen Gefieder und dem markanten Schnabel keine Chance.

Dies alles wusste der Vogel nicht, der sich im Frühling des Jahres 1690 im Unterholz der Insel Mauritius ausruhte um neue Kraft zu sammeln. Er wusste auch nicht, dass seine Suche erfolglos bleiben würde, da er das letzte lebende Exemplar seiner Art auf der Erde war.

Die Erschöpfung ging dieses Mal tiefer. Ihm fehlte selbst die Kraft, die reifen Früchte, die direkt vor seinem Schnabel auf dem Waldboden lagen, zu fressen. Sie hätten ihm frische Energie geliefert, doch er schien zu spüren, dass es vergebens war. Er hatte aufgegeben.

Er schloss die Augen, da er die Lider nicht mehr offen halten konnte. Sein Kopf mit dem roten Punkt auf dem Schnabel senkte sich langsam auf eine Seite. Es schien, als wollte er sich nur kurz schlafen legen um danach mit neuer Kraft seinen Instinkten zu folgen.

Wenige Augenblicke, nachdem sein Kopf den feuchten Waldboden berührt hatte, tat sein Herz den letzten Schlag.

Seine Suche war vorbei.

Und so geschah es, dass der Dodo bereits hundert Jahre nach seiner Entdeckung ausgestorben war.

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