Stressmanagement vs Stressvermeidung

Ich habe mir die Frage gestellt, welcher der beiden Ansätze „Stressmanagement“ oder „Stressvermeidung“ besser ist? Die scheinbar klare Antwort ist Stressvermeidung: Wenn ich vermeide, dass Stress überhaupt erst aufkommt, muss ich ihn auch nicht managen. Doch wie kann ich Stress vermeiden?  Im Wesentlichen dadurch, dass ich den Situationen, die mir Stress verursachen, aus dem Wege gehe. Wenn wir uns allerdings ansehen, in welchen Bereichen der meiste Stress verursacht wird, dann wird schnell klar, dass eine Vermeidungsstrategie hier nur bedingt realisierbar ist: Im Job und in der Familie.

Stress im Job und in der Familie

Wenn ich keine Möglichkeit habe, mein Arbeitsfeld so zu verändern, dass ich Stress vermeide, bleibt mir nur, den Job zu kündigen und anderweitig zu suchen. Doch werde ich im neuen Job mehr Glück – sprich: weniger Stress – haben? Wer kann mir das garantieren? Was mache ich, wenn ich auch dort gestresst werde? Oder in der Familie: Soll ich mich gleich von meinem Partner trennen, wenn es nicht so läuft, wie ich es gerne hätte? Was mache ich mit Kindern in der Pubertät, die meinen, die Eltern sind nur dazu da, um für Essen und den Unterhalt zu sorgen? Werfe ich die auf die Straße oder ziehe ich für ein paar Jahre in ein Hotel?

Kann ich Stressbereiche wirklich vermeiden?

Diese Beispiele zeigen, dass man manche Stressbereiche einfach nicht meiden kann oder möchte. Natürlich gibt es manche Möglichkeit, selbst gemachten Stress zu vermeiden: Ich kann z.B. den Hinweis, dass eine neue eMail eingetroffen ist, abschalten. Oder ich kann mir weniger Aufgaben im Haushalt aufbürden. Doch durch diese Maßnahmen werden weder die eMails noch der Haushalt abgeschafft, d.h. die wirklichen Stressbereiche bleiben erhalten. Eine Flucht daraus ist meistens nicht möglich. Die Stressvermeidung ist vermeintlich bequemer als das Stressmanagement, doch irgendwann kann ich nicht mehr fliehen, ihn nicht mehr vermeiden! Irgendwann werde ich mich stellen müssen und dann habe ich ein Problem, denn ich habe nicht gelernt, mit Stress umzugehen, ihn zu managen!

Die langfristige Lösung: Stressmanagement

Da ich den meisten Stress nicht vermeiden kann, ist es besser zu lernen, wie ich mit Stress umgehe: Stressmanagement ist keine kurzfristige Lösung, aber eine langfristige Strategie um selbstsicherer und glücklicher zu sein. Wenn ich eine Lösung für stressige Situationen bereit habe, wenn ich weiß, wie ich damit umgehen kann, dann werde ich auch mehr Mut besitzen, mich auch in neue Bereiche vorzuwagen. Ich werde keine Angst vor Unbekanntem haben, ich werde mich weiter entfalten können.

Die wichtigsten Schritte im Stressmanagement

Stressmanagement ist keine Lektion, die ich einmal mache, und damit ist sie erledigt. Stressmanagement ist ein Prozess, der sich immer wiederholt. Je häufiger ich ihn durchlaufe, desto leichter fällt er mir.

1) Erkennen, dass ich gestresst bin!

Oftmals erkennt man den Stress überhaupt nicht, da er in kleinen Dosen kommt, oder erst dann, wenn wenn es so weit ist, das man nicht mehr „weiß, wo einem der Kopf steht“. Doch der Stress beginnt sehr viel früher. Eine erprobte und bewährte Methode, dies zu entdecken ist die Achtsamkeit. Sie hilft mir, im Hier und Jetzt zu sein, aufmerksamer und wacher zu sein. Ich erkenne Stress und das daraus entstehende Unwohlsein schneller und kann frühzeitig reagieren.

2) Entdecken, was mich wirklich stresst!

Meist glaubt man, den Grund für den Stress schnell zu entdecken: die Menge an eMails, die vielen Aufgaben im Haushalt. Doch eMails und Haushalt sind an sich nicht stressig, es ist meine Reaktion darauf, die Stress in mir erzeugt: Z.B. die eigene Erwartungshaltung, alle eMails sofort zu beantworten und alle Haushaltsarbeiten am selben Tag zu erledigen. Stress wird nicht von außen erzeugt, auch wenn ich mir das gerne einrede. Meinen Stress erzeuge ich immer selbst. Oftmals sind Glaubenssätze meiner Eltern oder Verhaltensmuster aus meiner Kindheit und Jugend daran beteiligt. Aber auch, wie ich mit Stress umgehe, wird von diesen Faktoren bestimmt: Bleibe ich ruhig und strukturiert oder lasse ich mich treiben und bin überfordert? Nur ich selbst kann meinen Umgang mit Stress bestimmen. Ich kann so viele Anti-Stress-Programme durchlaufen, wie ich möchte: Wenn ich nicht entdecke, was wirklich den Stress in mir auslöst, werde ich nie wirklich lernen, mit Stress umzugehen. Was nützt es mir, wenn ich es schaffe, die Flut an eMails zu reduzieren, wenn ich nicht verstehe, dass es mein Hang zur Perfektion ist, der mich zwingt, alle eMails sofort anzusehen und am selben Tag zu beantworten? Und wenn ich nicht sehe, dass mir diese Eigenschaft vielleicht von einem Elternteil mitgegeben wurde? Ich selbst fühle mich nicht wohl mit meinem Verhalten, doch ich zwinge mich unterbewusst selbst dazu und das verursacht mir Stress.

3) Identifizieren des Auslösers

Die Ursache für die Auslösung von Stress kann z.B. ein Glaubenssatz sein, der sich im Unterbewusstsein verankert hat. Solche Glaubenssätze stammen nicht selten aus der Kindheit oder frühen Jugend und sind so tief in uns verborgen, dass wir sie nur mit aktiver Suche aufspüren können. Hinweis!Da dieser und der nächste Schritt alleine nur schwer zu realisieren sind, wird es notwendig sein, sich professionelle Unterstützung durch einen erfahrenen Coach, Therapeuten oder Counselor zu sichern.

4) Beseitigung des Auslösers

Wenn die Ursache identifiziert wurde, kann an der Beseitigung gearbeitet werden. Einen negativen Glaubenssatz kann man z.B. mit einem positiven „überschreiben“. Damit man den neuen, positiven Glaubenssatz einsetzen kann, ist es wichtig sofort zu merken, wann man gerade dabei ist, den alten, negativen Glaubenssatz anzuwenden. Daher ist der nächste Schritt der wichtigste in dem Prozess des Stressmanagements.

5) Kontinuierliche Achtsamkeit

Ursächliche Auslöser für Stress sind meist sehr tief in uns verankert. Die Gefahr bei deren Beseitigung besteht darin, dass wir uns sehr schnell wieder mental in alten Gewohnheiten – und damit in den alten Auslösern – bewegen. Achtsamkeit ist eine bewährte Methode um dies schnell zu bemerken und darauf zu reagieren. Sie hilft uns, konzentriert und wach im Augenblick zu sein. Gefühle, Glaubenssätze und Handlungen können mit Hilfe der Achtsamkeit „live“ entdeckt und darauf reagiert werden.

Fazit: Stressmanagement ist effizienter

Da die Beseitigung von Stressfaktoren meist nicht funktioniert ist der richtige Umgang mit ihnen der einzig sinnvolle Weg. Tief verankerte Auslöser müssen bewusst angegangen werden, damit eine langfristige Beseitigung gewährleistet ist. Die Achtsamkeit ist sowohl bei der Entdeckung von Stressauslösern als auch bei der Vermeidung negativer Gewohnheiten die effektivste Methode.

One thought on “Stressmanagement vs Stressvermeidung

  1. Hallo Tom,
    schon erstaunlich in welcher Dichte Du fähig bist zu publizieren. Die Gedankgänge entsprechen dem, die auch ich für mich so entdeckt habe. Dennoch ist die Umsetzung und das tägliche Bemühen um einen guten Umgang mit den Mitmenschen und vor allem mit sich selbst die wahre Herausforderung, die hinter den guten Ansätzen steht. Ich wünsche uns beiden und allen Mitstreitern ebenso eine hohe Aufmerksamkeit und eine gute Achtsamkeit in Bezug auf unser Tun.
    Herzlichst
    Birgit

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